Gedenkstättenfahrt nach Krakau und Prag

Donnerstag, 12. Juni 2008, halb vier Uhr morgens: 21 verschlafene Schüler des 12er Jahrgangs plus ein müder Herr Dr. Schubert treffen sich am Wiesbadener Hauptbahnhof. Der Grund: Die Gedenkstättenfahrt ins polnische Krakau und ins tschechische Prag.

Nach einer schier endlosen Fahrt erreichten wir abends um viertel vor acht endlich das schöne Krakau und bezogen das Hotel „Jordan“. Wir machten uns kurz frisch und gingen daraufhin ein wenig durch die Stadt, der Großteil der Gruppe ließ sich allerdings bald in einem urigen polnischen Lokal nieder und genoss ein wunderbares, typisch polnisches Essen – unter anderem die Landesspezialität Bigos – das für mindestens doppelt so viele Personen gereicht hätte. So klang der erste Abend sehr nett aus.

Am nächsten Morgen hieß es früh aufstehen, denn für neun Uhr war eine Stadtführung angesetzt. Wir besichtigten verschiedene große Plätze und Kirchen, wobei uns besonders die von weitem sichtbare Marienkirche und der prachtvolle Wavel, das wunderschöne Schloss Krakaus, sowie das Theater gefielen. Zum guten Schluss erhielten wir wertvolle Einkaufs – und Restauranttipps. Gegen Mittag war die Führung zu Ende und wir hörten die schon in Wiesbaden vorbereiteten Schülerreferate. Nach einer kleinen Mittagspause (während der wir uns die Tipps der Stadtführerin sehr zu Herzen nahmen) trafen wir uns dann im Jesuitenkolleg mit polnischen Jugendlichen. Das Treffen, das von der polnischen Dozentin Frau Sadowska geleitet wurde, war äußerst interessant, da wir uns über Erfahrungen mit dem jeweils anderen Land und dessen Bewohnern und gewonnene Eindrücke austauschten. Auch Politik war ein Thema sowie die Frage, wie sowohl polnische als auch deutsche Jugendliche mit dem Nationalsozialismus umgehen oder umgehen sollten.

Am späten Nachmittag war das Gespräch beendet und wir machten uns auf zum alten jüdischen Viertel. Dort hörten wir Referate zum Thema Juden im alten Krakau und Judenverfolgung zur Zeit des Nationalsozialismus. Als die Vorträge beendet waren, stand uns freie Zeit zur Verfügung, die wir mit selbstständigen Erkundungen der schönen Stadt füllten. Einige von uns besichtigten die ehemalige Oskar-Schindler-Fabrik, andere streunten in Kleingruppen umher und danach klang der Tag im Hotel auf sehr gesellige Weise aus….

Samstag, den 14. Juni stand der Besuch von Auschwitz/Birkenau auf dem Programm. Die Führung durch das Konzentrationslager war eher trocken, obwohl man durch die ausgestellten Dinge heftige Eindrücke von der damaligen Situation gewann. In Birkenau hatten wir Zeit, uns auch einmal selbst ganz in Ruhe umzuschauen. Die Barackenstadt mit den gesprengten Gaskammern, der Gleisanlage inmitten des Lagergeländes und der großen Tordurchfahrt für die Vernichtungszüge hat uns das ungeheure Ausmaß dessen, war dort geschah, ahnen lassen, auch wenn – gerade wegen des Ausmaßes – das konkrete Schicksal des einzelnen Opfers gar nicht mehr fassbar war. Und so machte sich große Nachdenklichkeit breit: Wie hatte es je so weit kommen können? Warum wurde so etwas zugelassen? Wir besprachen und diskutierten diese Fragen untereinander und uns wurde so auch klar, welch großes Glück wir doch haben.

Sonntagmorgen reisten wir nach Prag ab. Der Zug fuhr wieder sehr langsam und so kamen wir erst abends in der Goldenen Stadt an. Endlich konnten wir eine kurze Rast im Hotel „Olsanka“ einlegen, dann fuhren wir alle auch schon wieder gemeinsam in die Innenstadt. Hier zerstreute sich die Gruppe. Gegen 23 Uhr 30 trafen wir uns wieder und wurden Zeuge, wie unser armer Herr Schubert zum Helden wurde: An diesem Abend nämlich hat Tschechien im Zuge der EM gegen die Türkei gespielt und – bekanntermaßen – verloren. Ein junger Tscheche war darüber so enttäuscht, dass er Herrn Schubert, der mit einer kleinen Gruppe Schüler unterwegs war, verfolgte und anpöbelte, sodass unserer Lehrkraft nichts anderes übrig blieb als sich geistesgegenwärtig mit seinen Schäfchen in eine Bar zu retten und das Übrige – nämlich die Entfernung des Rowdys – beherzt dem dortigen Türsteher zu überlassen. Zu unserem Glück handelte es sich um den in solchen Etablissements nicht selten anzutreffenden Typus von schwarz gekleidetem Riesen, der sein Handwerk gelernt hat. Einige andere Schüler aus unserer Gruppe konnten den Vorgang voll innerer Anteilnahme von der anderen Straßenseite aus verfolgen.

Am nächsten Tag machten wir morgens einen geführten Stadtrundgang und als der Vormittag schon weiter vorangeschritten war, besichtigten wir die Deutsche Botschaft. Dort hörten wir einen Vortrag zur Situation 1989, als hunderttausende von DDR – Bürgern in die Deutsche Botschaft zu Prag flüchteten, in der Hoffnung, von dort aus in die BRD ausreisen zu können.

Hiernach kehrte man in einer gemütlichen Prager Kneipe nahe der Botschaft ein und hörte bei deftigem tschechischem Essen wieder einige Schülerreferate. So gestärkt machten wir uns bei Platzregen auf den Weg zur Prager Burg, wo wir eine erstklassige Führung erhielten und deshalb sogar freiwillig die für die Führung eingeplante Zeit überzogen um uns mehr erzählen zu lassen. Der Rest des Tages stand wieder zur freien Verfügung und diente somit gemütlichem Bummeln in den teuren Einkaufsstraßen Prags.

Am Abend schauten wir das überall in der Stadt gezeigte Deutschlandspiel gegen Österreich und feierten danach ausgiebig den Sieg unserer Jungs.

Dienstag, den 17. Juni, erhielten wir eine Führung durch den alten jüdischen Friedhof und die drei ältesten Synagogen. Frau Kuzelova, eine junge Prager Jüdin, erzählte uns viel über die Situation der Juden in allen Zeitaltern und wir erfuhren viele Details über die jüdische Kultur und Lebensart, die uns bis dato unbekannt gewesen waren.

Nach einer kurzen Mittagspause spazierten wir zum Goetheinstitut und hörten einen Vortrag über die Geschichte der deutsch – tschechischen Beziehungen. Am Ende des Vortrages hatten wir die Möglichkeit, über verschiedene Thesen und Fakten zu diskutieren. Die Diskussion verlief sehr lebhaft. Erbaut von der erfolgreichen Debatte und um ein wenig Wissen reicher wurden wir in unsere Freizeit entlassen, um uns an diesem letzten Abend im Hotel zu verlustrieren.

Am Morgen unseres Abreisetages hatten wir ein Gespräch mit der Journalistin Ludmilla Rakusanova zu den Themen „Prager Frühling“, Fall des „Eisernen Vorhangs“ und EU – Osterweiterung. Frau Rakusanova erzählte auch einige persönliche Erlebnisse in diesen Zusammenhängen und war außerdem offen für Fragen und kleinere Debatten, was das Gespräch zu einer netten und informativen Abrundung der Studienfahrt machte.

Um viertel vor zwölf brachen wir schließlich – nach einer rührenden Dankesrede für unseren Schubi, dass er diese Fahrt mit uns unternommen und uns geduldig ertragen hat – zum Bahnhof auf. An dieser Stelle noch einmal vielen, vielen lieben und herzlichen Dank an Herrn Dr. Schubert, der diese wirklich lehrreiche und interessante Fahrt schon seit Jahren organisiert und betreut und uns trotz verschiedener Eskapaden sicher wieder bis nach Hause gebracht hat. Ebenso herzlich danken wir der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und Herrn Dany Bober, die unsere Reise gesponsert haben.

Lydia Koreng, Nora Kirschhöfer