In Memoriam an
unseren ehemaligen Schulleiter Werner Emrich

Eine kleine Episode vom Beginn meiner Zeit an der Diltheyschule zeigt, denke ich, was für ein Mensch Werner Emrich war. Damals war ich jung und eifrig und veranstaltete – mit Genehmigung der Schulleitung – einen Elternabend für die fünften Klassen zum Thema Leseförderung. Ich hatte einen Vortrag ausgearbeitet, eine Buchhandlung bestückte einen Tisch mit Kinderbüchern, ein paar Flaschen Sekt und Saft standen bereit für den Umtrunk danach.

Der Abend war eine Pleite, es kamen gerade einmal fünf Personen. Niedergeschlagen trug ich anschließend die benutzten Gläser auf einem Tablett in Richtung Lehrerzimmer, um sie abzuspülen. Herr Emrich kam mir im Flur entgegen. Er sah mich forschend an und bemerkte meine Stimmung. Mit den Worten: Lassen Sie mal, es ist ja schon spät, ich mach das schon nahm er mir das Tablett ab und verschwand in Richtung seines Büros.

Dieser Vorfall hat sich mir so tief eingeprägt, dass ich noch jetzt, fast drei Jahrzehnte später, jede Einzelheit vor mir sehe. Die Freundlichkeit, die Hilfsbereitschaft und die bescheidene Selbstverständlichkeit, die aus ihm sprechen, sind in meinen Augen typisch für die Persönlichkeit meines ehemaligen Schulleiters. Unter Herrn Emrichs Ägide war die Diltheyschule ein guter Arbeitsplatz, den jeder Lehrer und jede Lehrerin morgens ohne Angst oder Beklemmung aufsuchen konnte. Die gute, unterstützende Stimmung, die Toleranz für unterschiedliche Kolleginnen und Kollegen mit unterschiedlichen Biographien und Methoden, die Atmosphäre, in der der Chef das Beispiel vorgab für selbstlosen Einsatz im Dienst der Aufgabe – in meinen Augen haben sie die Diltheyschule geprägt und wirken bis heute nach.

Dabei soll nicht vergessen werden, dass Herr Emrich die Diltheyschule nicht nur durch sein Wesen und seine Präsenz geprägt hat, sondern dass er auch eine ganze Reihe von Projekten und Entwicklungsvorhaben in Gang gesetzt hat, die teilweise in seiner Ära, teils aber auch unter seinen Nachfolgern wirksam wurden.

Unter Herrn Emrich wurden die ersten Musikklassen eingerichtet, die, zusammen mit anderen musischen Angeboten, die Schule in einer Weise verändert haben, die man nur ermessen kann, wenn man sie vorher gekannt hat. Der Umbau wurde geplant, der unserer Schule das Atrium, ein lebendiges Zentrum für so viele Aktivitäten, beschert hat. Die Hausaufgabenbetreuung, Kern unseres heutigen Ganztagsangebots, wurde eingerichtet. Natürlich hat Herr Emrich dies nicht allein getan. Stellvertretend für viele Mitwirkende seien hier Herr Kiefer, Frau Stillger und Herr Jung genannt.

Es gäbe noch viel zu sagen über diesen außergewöhnlichen Schulleiter. Ich möchte schließen in der festen Überzeugung, dass es meinen Kolleginnen und Kollegen so gehen wird wie mir: Wir, die wir ihn gekannt haben, werden ihn nicht vergessen.

Claudia Oedekoven