George-Konell-Förderpreis

Nikolas Jacobs (Klasse 9a) wurde am 18. Dezember 2005 der George-Konell-Förderpreis verliehen, der sich an Schüler der Jahrgangsstufen 9-11 richtet und Prosatexte auszeichnet, die „einen souveränen, sensiblen und kreativen Umgang mit der deutschen Sprache erkennen lassen.“ Angeregt von Frau Dr. Poch hatte Nikolas an unserer Schreibwerkstatt teilgenommen und eine Kurzgeschichte geschrieben, die den romantischen „Loreley“-Stoff aktualisiert.

Die Straßenkönigin

Sie steht da, auf der Straße. Die Straße ist ihr Gebiet.

Ein Grüner. Sie wird gesucht. Alles geht schnell und sie sitzt in seinem Auto. Sie kennt ihn geschäftlich. Im Haus der Grünen Schreibmaschinengeklapper. Eine Tür, ein Raum. Ein Raum, angefüllt mit Schwärze. Ein großes Fenster auf den Gang. Bürogardinen. Wieder einer, ein anderer. Fragen. Antworten. Sie weiß, er macht keinen Ärger. Er ist Kunde. In diesem Ghetto sind sogar die Grünen Kunden. Er ist zwielichtig. Freiheit für eine Lieferung, eine billige, für ihn ein Gewinn. Einigkeit auf beiden Seiten. Ein letzter Hinweis des Grünen. Er wird nicht selbst kommen, er schickt Schwarze, die von ihm abhängig sind. Wer ist hier nicht abhängig? Sie weiß; Schwarze sind die, denen nicht mehr zu helfen ist. Er will seine grüne Weste vom weißen Staub sauber halten. Klar, so läuft das. Kühler Abschied. Tür auf, Tür zu. Und wieder frei. Frischer Wind. Sie muss eine Spritze besorgen, bis morgen Abend. Die Autolichter gehen an, es war so weit.

Sie kommen auf sie zu, sie hatte es mitgebracht, eine Spritze mit fünf Gramm.
Die drei Jungen nennen sie Straßenkönigin, so wie alle hier im Straßenkinderghetto. Sie war immer gepflegt, sie half jedem, war schon mit allen liiert. Stumm gegen die Wand gestellte Fragen, die sie nicht stellte, die aber da waren.

Nein, sie hatten nichts gesagt. Außer diesem kleinen Kreis wusste niemand etwas von ihrem Deal. Ja, sie brauchten mehr, immer mehr.
Sie ist mit den Antworten zufrieden, wendet sich dem Geschäft zu, gibt jedem eine „weiße“ Spritze, nimmt das Geld entgegen, zählt nach. Es stimmt.

Eine Vereinbarung. Morgen. Gleiche Zeit. Gleiche Menge und gleiches Geld.

Mit Geld bekam man alles.
Wie man daran kam, war egal. Man redete nicht darüber.
Langsam entfernen sich die drei wieder. Sie geht in das Lager, in das Parkhaus am Kino, über der breiten, geteerten Straße. Oben, frei, auf dem letzten Deck. Freiheit, ein unbezahlbares Gut.
Aufs Blech, eine Ladung mit einer vollen Spritze.
Ihr Arm ist voller Narben.
Gut.
Es war ein gutes Gefühl.
Sie spürt nichts, außer Watte. Wärme. Drei Stufen, sie steht an der Kante, in der Nähe zur absoluten Freiheit.
Weit, in der Ferne, die untergehende Sonne.
Unten, verschwommene, sich bewegende Lichtflecke.

Sie spürt den Wind, als sie springt.

Das Martinshorn verklingt. Die drei Jungen stehen am Rande der Menge, die sich um die tote Königin wie eine Traube gebildet hat.
Ohne Monarchin kein Sinn im Leben.
Eine Überdosis.
Erleichterung.
Sie wurden am nächsten Tag auf dem oberen Parkdeck gefunden.
Mit kühlen Körpern.