Gedenkstättenfahrt
nach Polen und Tschechien

Seit anderthalb Jahrzehnten findet zum Schuljahresende mit Freiwilligen des 2. Kurshalbjahres eine Studien- und Begegnungsfahrt nach Krakau, Auschwitz und Prag statt. Was ist die Absicht?

Zur Wahl der Orte:

Die mitteleuropäische Geschichte, zumal in dem Dreieck Krakau/ Auschwitz/ Prag, eignet sich in besonderem Maße, Grundprobleme im modernen Zusammenleben der Völker sichtbar zu machen und Lehren für die Zukunft bereitzustellen, weil sie sich – deutlicher als die mancher westeuropäischer Regionen – im Spannungsfeld von Extremen vollzog. Mitteleuropa kann in vielen Hinsichten über Jahrhunderte hindurch als Modell einer multiethnischen, multikulturellen, multireligiösen Vielfalt gelten, aber auch als das Epizentrum verheerender Volksgruppenkämpfe, besonders im Zusammenhang mit den modernen Großreich- oder Nationalstaatsbildungen. Sie gingen einher mit der Eskalation von Diskriminierungen, Ausgrenzungen, Umsiedlungen, Vertreibungen, Massentötungen.

In der polnischen Geschichte begannen Versuche einer „Homogenisierung der Bevölkerung“ mit den Teilungen des Landes im 18. Jahrhundert. In den preußisch und österreichisch besetzten Teilen erfolgte phasenverschoben eine Zwangsgermanisierung, in den zaristisch kontrollierten Teilen eine Zwangsrussifizierung (die sich während des ersten Weltkrieges auch gegen Deutsche richtete). Der Versailler Vertrag und die Grenzkriege 1918 – 1921 zwischen der jungen deutschen Republik und der jungen polnischen (Kämpfe am St. Annaberg) ließen ungelöste ethnische Minoritätenprobleme zurück, die 1939 als Vorwand für den deutschen Überfall dienten.

Parallel zu der rassistischen „Neuordnung“ Polens durch die Nazis und zum Völkermord an den Juden erfolgten im Zuge der sowjetischen Okkupation Ostpolens und des Baltikums Massaker an der dortigen Oberschicht (Katyn), Deportationen und ethnische „Säuberungen“. (Die Polen in der Sowjetunion waren bereits vor 1939 die am meisten verfolgte Minderheit in Europa.)

In Tschechien waren bereits die religiösen Konflikte zwischen reformatorisch-hussitischen und konservativen Kräften des frühen 15. Jahrhunderts ebenso wie die Ständekonflikte zwischen Adel und Krone im 16. und 17. Jahrhundert (die im 30jährigen Krieg explodierten) durchsetzt von Volksgruppenkämpfen zwischen Tschechen und Deutschen. Die Unabhängigkeitsbestrebungen des 19. Jahrhunderts verschärften diese Spannungen: die tschechische Nationalbewegung verbündete sich gegen die Paulskirche – aus Furcht vor der großdeutschen Lösung – sogar mit dem Hause Habsburg, ihrem späteren Hauptgegner. Die unheilvolle Rolle der Sudetenfrage im 20. Jahrhundert ist bekannt.

Vor dem Hintergrund eines in der frühen Neuzeit keimenden und im 19. und 20. Jh. grassierenden „völkischen“ Einheits- und Reinheitswahns, der fundamentaler war als die traditionelle, oft religiös verwurzelte Xenophobie, war der von Deutschen ermöglichte Völkermord an den europäischen Juden kein kontextfreies oder historisch voraussetzungsloses Verbrechen, auch wenn die Absicht und Durchführung einer Totalvernichtung alles bisher Dagewesene überstieg. Gerade die Aufarbeitung der Entstehungsbedingungen des Holocaust muss die Erscheinungsformen des im 19. Jahrhundert entstandenen europäischen Ethnonationalismus und Rassismus in den Blick nehmen, um die richtigen Lehren für die Zukunft zu ziehen.

Zu den ideologischen Voraussetzungen gehören aber auch die „Purifizierungsutopien“ des 20. Jahrhunderts, die den Nationalsozialismus und Bolschewismus gleichermaßen bestimmen: der Anspruch, durch Säuberungsterror eine von „Volksschädlingen“ gereinigte Gemeinschaft von neuen Menschen zu erzeugen. Der amerikanischen Historiker Snyder hat zusammenaddiert, dass in Europa zwischen 1933 und 1945 17 Millionen wehrlose, unbewaffnete Zivilisten Opfer gezielter, vorsätzlicher Ermordung geworden sind. Wohlgemerkt: getötete Soldaten und Opfer von Kriegshandlungen wie Bombardements, Flucht, Vertreibung, Zwangsarbeit oder Vergewaltigung hat er nicht mitgerechnet. In einem engeren Radius Mittel-Osteuropas, den er als „bloodlands“ bezeichnet, waren es 14 Millionen. Ein Drittel von ihnen waren Opfer der Sowjets, zwei Drittel Opfer der Nazis, wobei das große millionenfache Morden phasenverschoben erfolgte: die Sowjets hatten bis 1939 bereits mehrere Millionen vorsätzlich geplante Ermordungen zu verantworten, bei den Nazis steigerte sich deren Zahl von etwa 10000 (bis 1939) über einige Hunderttausend (1939 bis 1941) ins Millionenfache ab Sommer 1941.

Zur Konzeption der Begegnungsfahrt:

Als das beste Mittel zur Überwindung von Feindschaft zwischen Völkern galt von jeher das Vergessen. Geschehene Gewalt- und Unrechtstaten sollten um des Friedens willen aus dem Gedächtnis gestrichen werden. Erinnerung stand in dem Verdacht, nicht der Versöhnung, sondern der Befriedigung von Rachsucht zu dienen. Im Schlussdokument des Westfälischen Friedens von 1648 wurde dieser Gedanke auf die Formel gebracht: „oblivio perpetua et amnestia“.

Dieses klassische Konzept der Harmoniestiftung findet heute keine Akzeptanz mehr. Ohnehin war seine Anwendung in der Praxis meist eine halbherzige, indem man die eigenen Schandtaten programmgemäß vergaß und die gegnerischen nur zu gerne in Erinnerung behielt. Inzwischen, nach den totalitären Verbrechen des 20. Jahrhunderts, ist aber auch eine noch so gut gemeinte Vergessensstrategie nicht mehr möglich, würde sie doch die auf Entrechtung, Dezimierung oder Vernichtung ganzer Völker oder Volksgruppen gerichteten Täterintentionen vollenden, indem sie die Opfer am Ende auch noch aus der Erinnerung tilgte. Diese Unmöglichkeit gilt besonders für die Haltung der Deutschen zum Holocaust. Darüber hinaus zwingen uns dieser Völkermord wie auch die Vielzahl von Kriegsverbrechen, Massentötungen, ethnischen Säuberungen und Diskriminierungen im 20. Jahrhundert dazu, einer Wiederholung entgegenzuarbeiten, d. h. die Ursachen und Entstehungsbedingungen zu bekämpfen. Dies kann nur gelingen, wenn wir uns der Katastrophen wissend und analysierend erinnern.

Aus diesen Einsichten entstand der neue europäische Konsens, die negativen Erfahrungen unserer Geschichte nicht zu vergessen, sondern wechselseitig ins Bewusstsein zu heben. Die Menschen Europas sollen sich über ihre Leiden, aber auch über ihre positiven Erfahrungen erinnernd verständigen und austauschen und eine gemeinsame Zukunft gestalten.

Aus dieser Zielsetzung ergaben sich Schwerpunkte der Besichtigungen und Gespräche während der Studienfahrten.

Die positiven Aspekte eines übernationalen Zusammenwirkens in Mitteleuropa konnten wir anhand stadt- und kunstgeschichtlicher Zeugnisse wie der Krakauer Marienkirche und ihres Veit-Stoß-Altares, anhand der Wirkungsstätten des späteren Papstes Johannes Paul II. oder anhand der Prager Burgen, Museen und Paläste studieren, die uns u.a. auf die Spuren Mozarts und Kafkas führten.

Die europäische Zukunft war i.d.R. Schwerpunkt der Journalistengespräche und natürlich der Krakauer und Prager Begegnungen mit polnischen und tschechischen Jugendlichen.

Die kommunistische Herrschaft in Mittel-und Osteuropa war Thema unserer Besuche in der Deutschen Botschaft in Prag, dem Zufluchtsort von Tausenden von DDR-Flüchtlingen 1989.

Zwischenaufenthalte in Dresden oder Breslau ermöglichten – stellvertretend für das gesamte Kriegsgebiet – die Rückbesinnung auf die Resultate des von Deutschland entfesselten „totalen Krieges“.

Die schlimmsten Aspekte der europäischen Geschichte waren Thema der Diskussionsrunden im Goetheinstitut (zum Thema deutsch-polnisches Selbst- und Fremdbild), im jüdischen Gemeindehaus in Prag (zum Thema Antisemitismus), bei der Besichtigung der Schindlerfabrik in Krakau und beim Aufenthalt in Auschwitz.

Über die Reisen der letzten 12 Jahre wurden regelmäßig Berichte verfasst, aus denen wir hier einige Auszüge dokumentieren.

Aus dem Bericht 2003:

Auschwitz:

Der Besuch des Stammlagers brachte viele Schüler aus der Fassung. Wir hatten eine sehr kompetente Führerin, die den Eindruck dieser Vernichtungsmaschinerie erst einmal auf uns wirken ließ. Vielleicht ist es das Richtige: Sehen… und Schweigen… Aber sie gab auch wichtige Informationen, wo es nötig war.

In seinen riesigen, nahezu unbegreiflichen Ausmaßen, folgte dann am Nachmittag eine Besichtigung des Lagers Auschwitz-Birkenau. Der Eindruck dieser imperialen Vernichtungsmaschinerie, verstärkt durch die riesigen Gleisanlagen inmitten der Lagerbaracken, zeigte uns das überdimensionale Ausmaß, welches der Antisemitismus unter dem NS- Regime annahm. In dieser Fabrik des Todes bekommt das Wort „Völkermord“ sein Gesicht, seine Fratze, auch wenn dabei das einzelne Schicksal fast nicht mehr begreifbar scheint.

Aus dem Bericht von 2005:

Auch in Prag stand eine Stadtführung auf dem Programm. Das Thema der Studienfahrt gab auch hier den Auswahlgesichtspunkt vor, denn Prag war über die Jahrhunderte – siehe Architektur – Schnittpunkt eines regen interkulturellen Austausches, aber auch zunehmend – siehe Kafka als Exempel – Schauplatz wechselseitiger Entfremdung der Bevölkerungs-gruppen. Auch die Besichtigung des Wallensteinpalastes und –gartens warf die Frage auf, inwieweit in die religiösen (protestantisch/katholisch), ständischen (Landstände/König, Fürsten/Kaiser), großmachtpolitischen (Schweden, Frankreich, Habsburg) und kommerziellen (Söldnerheere) Auseinandersetzungen sich bereits ethnische Gegensätze mischten.

Als ein Europa im Kleinen darf noch einmal das Prag der 20er und 30er Jahre gelten. Der Besuch des Kunstmuseums Veletrzní Palác stand in diesem thematischen Zusammenhang.

Der Besuch der Mozart-Oper „Don Giovanni“ im alten Ständetheater, dem Ort der Uraufführung, weckte Erinnerungen an die übernationale alteuropäische Adelskultur, auf deren Nährboden der Durchbruch der europäischen Moderne und die Selbstreflexion der neuen Bürgerlichkeit sich vollzogen.

Der Alte jüdische Friedhof in seiner stillen Größe mit den Gräbern bedeutender Rabbiner war als weiterer Akzent gesetzt. Als Glücksfall erwies sich die Führung durch Frau Podnelová, einer deutsch-tschechischen Jüdin, die es nicht nur verstand, die Vergangenheit der jüdischen Gemeinde lebendig werden zu lassen, sondern auch ihren eigenen, an schmerzlichen Erfahrungen reichen Lebensweg.

Eine weitere wichtige persönliche Begegnung war die Diskussion mit dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Tschechiens, Dr. Tomás Kraus. Er berichtete über das jüdische Leben im Vorkriegs-Prag und über die Situation der Überlebenden in der kommunistischen Ära, wobei interessante Erlebnisse aus der Zeit des Prager Frühlings zur Sprache kamen. Dr. Kraus ließ keine Schülerfrage unbeantwortet (…)

Lehrreich war auch der Vortrag von Frau Prof. Bojenko über Fehlurteile im deutschen und polnischen Selbst- und Fremdbild, der in den Räumen des Krakauer Goetheinstituts stattfand. Diskussionsschwerpunkte waren die Revisionen im polnischen Selbst- und Geschichtsbild seit 1989, Polens neue Rolle als Mitglied der EU und die damit verbundenen Folgeprobleme.

Aus dem Bericht 2007:

Abends besuchten wir in der Nähe unseres Hotels Pater Walczyk und Frau Sadowska und ihre Schülerinnen. Sie hatten uns freundlicherweise zu einem Treffen in das Jesuitenkolleg eingeladen, obwohl bereits die Sommerferien begonnen hatten. Die Gesprächsatmosphäre war ausgesprochen herzlich. Dass polnische Jugendliche uns Deutschen so aufgeschlossen und interessiert begegnen würden, hatten wir nicht erwartet. Einige der Schülerinnen waren gerade von Deutschlandbesuchen zurückgekehrt und berichteten von ihren Erlebnissen.

(…) Am Montag versammelten wir uns erst um 9.45 Uhr im Hotel zur gemeinsamen Fahrt in die Altstadt Prags. Von dort aus besuchten wir die Deutsche Botschaft im Palais Lobkowicz und hörten einen Vortrag zur Situation der DDR-Flüchtlinge 1989. Der Referent hatte damals als Botschaftsangestellter die dramatischen Sommermonate erlebt, z. B. auch Genschers legendären Balkonauftritt.

Aus dem Bericht 2011:

Krakau und seine Umgebung waren in besonderem Maße Opfer von Fremdherrschaft bzw. von Anpassungsdruck. Zugleich finden sich auch hier Spuren alteuropäischer Vielfalt (man denke nur an das Wirken des Nürnberger Künstlers italienischen Einschlags Veit Stoß. Beides war – im Sinne des Generalthemas der Gedenkstättenfahrt – Erkenntnisinteresse einer größeren Stadtführung am ersten Tag, mit den Schwerpunkten Wawel und Marienkirche. Die Besichtigung des alten jüdischen Viertels Kazimierz war verbunden mit einem Besuch der Remuh-Synagoge und des angrenzenden jüdischen Friedhofes. Dies war eine wichtige Erfahrung, weil die meisten nicht mit der Kultur, dem alltäglichen Zusammenleben und der Lebensfülle in dieser einst blühenden Metropole osteuropäischen Judentums vertraut waren.

Passend zum Thema „Jüdische Geschichte in Krakau“ folgte anschließend ein Besuch in der zu einem Museum umgestalteten Emaillewarenfabrik von Oskar Schindler, wo dieser während des Krieges über 1000 jüdische Arbeiter beschäftigte, die er aufgrund seines unermüdlichen Einsatzes und unter Aufopferung seines gesamten Vermögens vor der Vernichtung retten konnte. Das zum Museum umgestaltete Fabrikgebäude beherbergt heute eine Ausstellung über „Krakau 1939-1945“, die uns diese Schreckenszeit plastisch vor Augen führte.

Prag: Zunächst stand ein Treffen mit tschechischen Jugendlichen auf dem Programm. Dieses fand im Goetheinstitut statt und wurde von zwei Pädagogen geleitet, die sowohl der deutschen als auch der tschechischen Sprache mächtig waren. Ziel war es, Wissen über die gemeinsame und tschechische Geschichte zu vermitteln und nachhaltiges Interesse für das Nachbarland zu wecken. Die Gruppe tschechischer Jugendlicher hat Deutsch in der Schule gelernt und konnte sich dementsprechend einigermaßen mit uns verständigen. Uns wurden außerdem die wichtigsten tschechischen Grundphrasen auf spielerische Art und Weise nähergebracht. Nach einem anschließenden gemeinsamen Mittagessen im wunderschönen Jugendstil-Hotel „Europa“ machten wir uns in deutsch-tschechischen Kleingruppen auf den Weg, mehr über die Stadt zu erfahren. Dies geschah in Form einer Stadtrallye, bei der wir vorher ausgeteilte Fragen durch Erforschen der Stadt beantworten mussten. Bei der anschließenden Siegerehrung wurde die Gruppe mit den meisten richtigen Antworten ausgezeichnet und bekam einen Preis.

Das Thema der Studienfahrt prägte auch das Programm des zweiten Tages:

Mit der Journalistin Frau Rakushanová hatten wir eine Expertin für deutsch-tschechische Beziehungen zu einem Vortrag mit anschließender Diskussion gewonnen. 1968, nach dem russischen Einmarsch, aus Prag emigriert, lebte sie in der Bundesrepublik, bis zu ihrer Rückkehr nach der friedlichen Revolution. Ihre Erfahrungen mit dem Kommunismus, mit dem Exil, mit der heutigen Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit, mit neonationalistischen Tendenzen in der gegenwärtigen Sudetendiskussion und mit dem Pluralismus im heutigen Tschechien waren ebenso Gesprächsgegenstand wir ihre Urteile zu aktuellen wirtschaftlichen und politischen Problemen der EU-Osterweiterung und der NATO-Mitgliedschaft.