Besuch der Dramaturgin des Staatstheaters

Die Dramaturgin des Hessischen Staatstheaters besucht den Leistungskurs Deutsch der Diltheyschule

Nach dem Theaterbesuch in der „romantischen Tragödie“ Friedrich Schillers „Die Jungfrau von Orleans“ im Hessischen Staatstheater Wiesbaden hatten die Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Deutsch an der Diltheyschule viele Fragen an Frau Borrmann, die für die Aufführung verantwortliche Dramaturgin.

Viele Jugendliche bekannten, dass sie sich alles ganz anders vorgestellt hätten. Johanna zum Beispiel, die Heldin von Schillers Stück, deren Auftreten die Engländer in Angst und Schrecken versetzt, hatten sie sich in Rüstung und mit langem Rock ausgemalt.

Und dann der Schock: Auf der Bühne im Staatstheater steht ein knabenhaft mageres Mädchen, nackt bis auf ein schwarzes Höschen, und bestreicht sich die bloße Brust gedankenverloren mit weißer Farbe, während sie mit leicht heiserer, kindlicher Stimme die Schillerschen Verse deklamiert.

Frau Borrmann erklärt, dass sie lange über die Frage nachgedacht hätten, welche Kleidung „ihre“ Johanna tragen solle. Auch die Rüstung sei erwogen worden. Dann aber hätten sie einen Satz gelesen, der die Richtung für das Inszenierungskonzept wies: „Der Held kämpft in Rüstung mit Waffen, aber der Heilige geht nackt.“ Johanna sei eben nicht eine weitere Heldin, sondern ein naives Hirtenmädchen, an das ein göttlicher Auftrag ergeht. Diesem Auftrag, den die Wiesbadener Inszenierung weder hinterfrage noch zu erklären versuche, müsse sie nachkommen, und er erweist sich als so mächtig und gewaltig, dass ihr Auftreten es vermag, das Blatt zu wenden und den Franzosen aus ihrer hoffnungslosen Lage heraus zum Sieg zu verhelfen. Sie wirkt durch die Kraft des Geistes, nicht durch Waffen und Kampftechnik nach Art eines Superweibes.

Die Begegnung mit einem Theatermenschen im Anschluss an die Begegnung mit dem Theater: Diese Kombination sorgte bei den Jugendlichen für etliches Staunen und viele Aha-Effekte. Immer wieder wurde deutlich, wie sehr die Sehgewohnheiten der jungen Leute vom Medium Film geprägt sind und wie das Theater auf das ganz Andere setzen kann und muss, um sein Publikum zu faszinieren. Also gibt es keine realistischen Schlachten zwischen Heerscharen, sondern das Töten kann durch einen Blick geschehen und die Schrecken des Krieges können durch unerträglich laute und dissonante Musik mindestens genauso eindrücklich verdeutlicht werden wie im Hollywoodfilm durch Ströme von (Kunst)blut.

Es wurde auch deutlich, wie frei auf dem Theater mit den erhabenen Worten der Klassiker umgegangen wird: Radikale Streichungen kürzten das Stück auf eindreiviertel Stunden, ohne dass, wie die Schüler fanden, der Sinn auf der Strecke blieb. Eine kleine Szene – mit einer Köhlersfamilie im Wald – wird auf der Bühne durch trollartige Kostüme und Dialektbenutzung in ein Späßlein umgestaltet, um, wie die Dramaturgin erklärt, dem Zuschauer nach so viel Tragik und großem Gefühl eine kurze Erholungspause zu gönnen.

Die Jungen und Mädchen aus dem Leistungskurs Q1 von Frau Oedekoven gestalteten diese besondere Deutschstunde durch ihre Fragen und Anmerkungen, durch ihre Beobachtungen und ihre Kritik im lebendigen Dialog mit der Dramaturgin so lebendig, dass alle enttäuscht waren, als nach 90 Minuten „schon“ die Pausenklingel läutete. Es bleibt der Vorsatz, mit der Schule auch weiterhin ins Theater zu gehen und das Theater in die Schule zu holen, um Deutschunterricht, wenigstens ab und zu, zu einem Fest fürs Leben zu machen.