Gedenkstättenfahrt 2006

Zielsetzung der Fahrt:

Seit 6 Jahren findet zum Schuljahresende für Freiwillige der 12. Jahrgangsstufe des Wiesbadener Diltheygymnasiums eine Gedenkstättenfahrt nach Krakau, Auschwitz und Prag statt. Ihr Ziel ist, aus dem Studium der Geschichte Lehren für die Zukunft zu ziehen und die Schüler für das neue, gemeinsame Europa zu gewinnen. Mitteleuropa eignet sich hierfür im besonderen Maße, weil seine Entwicklung von Extremen gekennzeichnet ist.

Es kann als Modell eines Jahrhunderte währenden kulturellen Zusammenlebens der Volksgruppen gelten, aber auch als Zentrum verheerender Auseinandersetzungen, Diskriminierungen, Vertreibungen und Massentötungen. Besonders die „Säuberungsideologien“ des 19. und des 20. Jahrhunderts, der Ethnonationalismus, der Bolschewismus und der Nationalsozialismus, haben schreckliche Spuren hinterlassen, darunter Auschwitz als Ort eines alles überbietenden Völkermords. Eine gemeinsame Zukunft kann nicht entstehen, ohne dass sich die Europäer über ihre positiven und negativen Erfahrungen austauschen. Ein neues Miteinander setzt die Erinnerung an das verhängnisvolle Gegeneinander voraus. Aus dieser Zielsetzung ergaben sich auch während unserer Schülerfahrt im Jahre 2006 die Schwerpunkte der Besichtigungen und Gespräche vor Ort. Die negativen Aspekte der europäischen Geschichte waren Thema der Diskussionsrunden im Goetheinstitut, im jüdischen Gemeindehaus in Prag und beim Aufenthalt in Auschwitz. Die positiven Aspekte eines übernationalen europäischen Zusammenwirkens konnten wir anhand stadt- und kunstgeschichtlicher Zeugnisse wie der Krakauer Marienkirche, der Wirkungsstätten des späteren Papstes Johannes Paul II. oder der Prager Burgen, Museen und Paläste studieren. Die europäische Zukunft war Schwerpunkt des Prager Journalistengesprächs und der Schülerdiskussion im Krakauer Jesuitenkolleg.

Bericht über den Ablauf der Fahrt 2006:

Am Donnerstag, dem 06.07.2006, versammelten wir uns (20 Schülerinnen und Schüler des Jahrgangs 12) mit Herrn Dr. Schubert und dem Referendar Herrn Wicha in der Schalterhalle des Wiesbadener Hauptbahnhofs. Abfahrt um 3.50 Uhr Richtung Berlin. Dort mussten wir in den IC 241 „Wawel“ umsteigen und erreichten um 19.45 Uhr den Bahnhof Krakau-Glowny. Nachdem wir unser Hotel BATORY bezogen hatten, beeilten wir uns, in die Stadt zu kommen und erste Eindrücke zu gewinnen. Wir waren von ihrer Schönheit sofort gefangen genommen und saßen bei mediterranen Temperaturen bis weit nach Mitternacht auf dem Marktplatz.

Am Freitagmorgen, also dem nächsten Tag, nahmen wir um 9.00 Uhr nach dem Frühstück an einer Stadtbesichtigung teil. Vom Wawel wanderten wir in die Stadt und besichtigten – begleitet von Schülerreferaten – u.a. die Marienkirche und den Veit-Stoß-Altar. Nach einer einstündigen Mittagspause hörten wir im Goetheinstitut einen Vortrag von Professor Bojenko-Izdebska über Fehlurteile im deutschen und polnischen Selbst- und Fremdbild. Aufgrund der aktuellen Spannungen in den Beziehungen beider Länder (Kaczynski-Artikel der TAZ etc.) diskutierten wir die Frage, ob die EU-Erweiterung neben Integrationserfolgen auch zunehmend Familienstreitigkeiten und neue Abgrenzungsversuche zwischen den Mitgliedern erzeuge.
Um 15.30 Uhr besuchten wir in der Nähe unseres Hotels Frau Sadowska und ihre Schülerinnen. Sie hatten uns freundlicherweise zu einem Treffen in das Jesuitenkolleg eingeladen, obwohl bereits die Sommerferien begonnen hatten. Die Gesprächsatmosphäre war ausgesprochen herzlich. Dass polnische Jugendliche uns Deutschen so aufgeschlossen und interessiert begegnen würden, hatten wir nicht erwartet. Einige der Schülerinnen waren gerade von Deutschlandbesuchen zurückgekehrt und berichteten von ihren Erlebnissen während der Fußballweltmeisterschaft. Das war natürlich ein idealer Ausgangspunkt, um die Fragen zu diskutieren, wie Polen uns Deutsche wahrnehmen, und umgekehrt. Übrigens war das WM-Spiel Deutschland gegen Portugal, das wir als Minderheit unter vielen Polen in einem Bierkeller der Altstadt sahen, ein guter Katalysator, um mit Krakauer Bürgern ins Gespräch zu kommen (zumal sich einige von uns mit schwarz-rot-goldenen Streifen bemalt hatten).
Am Freitagabend wollte Herr Dr. Schubert mit uns an einem Gottesdienst in der Remuh-Synagoge teilnehmen. Dies war leider nicht möglich, da sich zu viele Besucher aus den USA und aus Israel in der Synagoge befanden und für unsere Gruppe kein Platz mehr vorhanden war. Also wurden schließlich Schülerreferate vorgetragen.

Am Samstagmorgen fuhren wir nach Oswiecim, wo wir an einer Führung durch die Vernichtungslager Auschwitz I und Birkenau teilnahmen. Passend zu unserer bedrückten Stimmung fing es an zu gewittern und regnen, das erste Mal nach sonnigen und heißen Tagen.
Am Ende dieses beeindruckenden Tages lockerte sich unsere Stimmung. Am nächsten Morgen hieß es früh aufstehen, um den IC um 8.32 Uhr nach Prag zu erreichen. Um 16.45 Uhr trafen wir im Prager Hauptbahnhof ein und fuhren mit der Straßenbahn in das Prager Hotel Olsanka, um danach möglichst schnell in die Stadt auszuschwärmen.

Am Montag, dem 10.07.06, versammelten wir uns erst um 9.45 Uhr im Salon 2 des Hotels, (d.h. wir konnten das erste Mal etwas länger ausschlafen), um ein Gespräch mit der Prager Journalistin Ludmilla Rakusanova über den „Prager Frühling“, die EU-Osterweiterung und den „Fall des Eisernen Vorhangs“ zu führen. Vorher versorgte uns ein Schülerreferat noch mit den nötigen Informationen. Nach einer 1½-stündigen Pause trafen wir uns um 12.30 Uhr im Hotel zur gemeinsamen Fahrt in die Altstadt Prags. Von dort aus besuchten wir die Deutsche Botschaft im Palais Lobkowicz und hörten einen Vortrag zur Situation der DDR-Flüchtlinge 1989. Der Referent hatte damals als Botschaftsangestellter die dramatischen Sommermonate erlebt, z. B. auch Genschers legendären Balkonauftritt. Auch diesmal waren zuvor Schülerreferate vorgetragen worden. Von der Deutschen Botschaft aus marschierten wir zur Prager Burg und erkundigten anschließend in kleinen Gruppen die Altstadt. Treffpunkt war um 24.00 Uhr im Hotel Olsanka!

Am Dienstagmorgen fuhren wir mit der Straßenbahn in die Maislova, um mit Dr. Tomas Kraus ( Zentralrat der Juden in Tschechien ) ein Gespräch über „Jewish Life and Antisemitism today“ zu führen. Als besonders strittig erwies sich die Frage, wie man aktuelle Lehren aus dem Holocaust ziehen könne, ohne ihn für tagespolitische Zwecke zu instrumentalisieren. (Letzteres war bekanntlich ein Vorwurf, den der jüdische Historiker Lustiger an die Adresse einiger Vertreter der deutschen Linken wie Grass und Joschka Fischer gerichtet hatte.) Nach einer langen Mittagspause bis 14.30 Uhr besichtigten wir die Holocaust- Synagoge und den jüdischen Friedhof in Prag. Das Gespräch mit der Zeitzeugin Frau Ludmilla Podnelova, einer Prager Jüdin, die das Lager Theresienstadt überlebt hat, musste leider ausfallen, da die ältere Dame wegen der großen Hitze gesundheitlich angeschlagen war.
Am Abend trafen wir uns um 22.00 Uhr auf der Karlsbrücke, um noch einmal den Anblick der Stadt bei Nacht von der Brücke aus in uns aufzunehmen, denn am nächsten Morgen hieß es leider die Heimreise antreten. In Dresden umgestiegen, hatte unser Zug einen technischen Defekt, so dass wir zwar stark verspätet, aber sicher in Wiesbaden ankamen.
Die Teilnahme an dieser Fahrt hat uns sehr gute Einblicke in die osteuropäischen Lebensverhältnisse gewährt und die Möglichkeit geboten, Mensch und Land kennen zu lernen und Vorurteile gegenüber Osteuropa abzubauen. Mit der Besichtigung des Lagers Auschwitz hatten wir die Möglichkeit Geschichte einmal anzufassen und die Eindrücke des Unfassbaren vor Ort direkt auf uns wirken zu lassen.

Text von Claudia Holec und Christian Pabst