Büchners Lenz

Im Grundkurs Deutsch – Q2/Guss (SJ 2013/14) sind als Abschluss der Unterrichtseinheit „Büchners Lenz“ Schülertexte entstanden, die die Hauptfigur Lenz in unsere heutige Zeit versetzen.

Was für ein Mensch Lenz heute sein könnte, wie es ihm heute ergeht und was Lenz heute fühlt, das kann man hier nachlesen.

Leonard Brucksch: Moderner Lenz des 21. Jahrhunderts

Er war auf dem Weg zur Arbeit, alle hasteten an ihm vorbei, es tat ihm gut, niemand fragte ihn, wer er sei, was er wolle und wo er her kam. Er ging in Ruhe zur Arbeit. Diese Gemeinschaft, die doch keine war, jeder ging seiner Tätigkeit nach, er fühlte sich einsam, aber nicht allein. Er arbeitete wie sie alle. Es war beruhigend etwas erledigt zu haben. Abends nach Hause zu gehen und zu wissen, dass man etwas vollbracht hat. Nur hatte er diesmal das Gefühl, alle Blicke seien auf ihn gerichtet, sie wollten anscheinend doch etwas von ihm. Er rannte los, einfach nur nach Hause, dort hin, wo er sich sicher fühlte. Er nahm nicht den Aufzug, sondern hastete die Treppen hoch, er rannte und es tat gut, er wollte nichts anderes mehr tun, als rennen. Als er vor seiner Tür stand, war alles verflogen, er konnte sich an nichts mehr erinnern. Er war zufrieden, setzte sich auf sein Bett und starte gegen die Wand. Ihn überkam eine entsetzliche Leere. Er zippte durch das Programm um sich abzulenken und schlief ein. Der nächste Tag, einer wie jeder andere auch, alles war gleich, nichts anders. Doch falsch, sein Chef stand gegen Mittag in seinem Büro und überbrachte ihm eine Nachricht wegen der Versetzung ins Ausland. Lenz nahm sie gleichgültig auf, packte seine Sachen, ging hinaus und murmelte vor sich hin. Sein Chef nahm nur noch die Worte „ich will doch nicht gehen, es ist doch so schön hier“ wahr und dann war er auch schon aus dem Gebäude draußen.

Tom Splittgerber: Lenz

Den 20sten ging Lenz durch die Stadt. Er fühlte sich erschlagen, hungrig, gleichzeitig gelangweilt durch seinen eintönigen Alltag. Er wusste, er müsse sich beeilen, um seinen nächsten Termin zu erreichen, den nächsten Kunden abzufertigen. Er hatte Hunger, noch nichts gegessen, keine Zeit dazu. Er ging an der Straße entlang, seine Umgebung nahm er kaum war, weder die Schönheit der Stadt, noch den Witz in der Vergeblichkeit des Versuchs der vorbeigehenden Menschenmassen ihr Leben voll auszuleben- keine Zeit dazu- er musste seinen Termin erreichen. Die Beine wurden ihm müde vom ewigen Hetzen, es ward ihm traurig, dass er keine Pause machen konnte, keine Zeit, er beschloss auf dem Kopf zu gehen. Er war müde, keine Zeit zu schlafen. Immer wieder hatte er nicht die Kraft seine Augen offen zu halten. So ließ er sie denn zufallen; er sah sich plötzlich inmitten einer Verhandlung, er sah an sich herunter und bemerkte: seine Krawatte saß falsch. So richtete er sie, doch egal was er tat, sie blieb nicht in Form. Plötzlich im Büro: sein Chef gab ihm einen Papierstapel: „das bis Morgen früh“. Der Papierstapel wuchs, er schwankte, drohte zu kippen. Lenz schlug die Augen auf; er hatte es kaum bemerkt, doch er stand vor dem Gebäude. Er kannte es, er hätte es noch im Schlaf gefunden, denn dort verfolgte es ihn.

Am Ende des Tages lag Lenz auf einem Sofa, sprach mit seinem Oberlin „So mein Lieber, wie geht es uns denn heute?“, fragte dieser. Das Sofa war unbequem, es drückte. Lenz antwortete. Obelin war betrübt. Er sagte das Übliche, es sei wohl eine Geschichte aus der Kindheit, das sei es fast immer. Er arbeite außerdem zu viel, solle sich Pausen gönnen. Lenz antwortete, er habe schlicht keine Zeit Oberlin rief zwei Helfer, die Lenz fassten und einkleideten, dann brachten sie ihn hinfort. Oberlin war erleichtert.

Auf der Fahrt ins Heim blieb Lenz friedlich, es war ihm gleichgültig, nur fürchtete er seinen Termin zu verpassen, er kämpfte nicht, konnte nicht, man konnte nie kämpfen. Bei seiner Ankunft besah er sich zunächst sein neues Heim, das er sich mit einigen anderen teilte, es herrschte offenbar eine Hierarchie: die einen befahlen, den anderen wurde befohlen. Alles war grün und beruhigend eingerichtet, dennoch war er mit der totalen Absenz einer Arbeit unzufrieden, außerdem hatte er nun seinen Termin verpasst. Ihm war langweilig, Stress wurde hier vermieden, ja kuriert.

Nach seiner Entlassung kam er sich ganz und gar unmenschlich vor, so untätig wie er war. Doch gerade als er dies durch neue Termine behoben hatte, kam er sich so vor, als habe er noch etwas viel Wichtigeres verloren, doch was es war wusste er nicht. So lebte er hin.

Yelda Kasap: Verlassen – Der Lenz des 21. Jahrhunderts

„Ich versteh nicht was du hast!“, sie schreit. „Bin ich da, willst du mich nicht sehen. Bin ich nicht da, drehst du völlig durch. Was ist nur los mit dir Lenz?!“

Ja. Was ist nur los mit dir. Das frag ich mich auch manchmal. Du hast ja Recht, ich kann nicht allein sein. Trotzdem hasse ich es, dass du jedes Mal, wenn du hier bist an mir klebst bis die Wände neben mir stehen!

„Es tut mir leid Marie, geh jetzt einfach…ok?“

„Weißt du was Lenz, du bist ein verdammtes Arschloch mit verdammten Bindungsängsten! Ich werde deine Spielchen nicht mehr mitmachen. Echt Junge, nimm deine Komplexe und such dir einen anderen Trottel! Das war echt das letzte Mal!“

Bäääm! Sie ist weg. Und da kommt es schon wieder und frisst dich von innen auf. Dieses ekelhafte Gefühl. Diese kreischende Stille. Diese endlose Leere…ach scheiß drauf, scheiß einfach drauf!

Sie war so ziemlich der letzte Mensch auf Erde, der es noch irgendwie mit dir ausgehalten du elender Vollidiot! Gut gemacht!

Aber egal, einfach schlafen. Scheiß einfach drauf!

… Ok, schlafen geht nicht. Drei Uhr morgens. Morgen Uni? – Eh nicht.

Als ob so ein Schwachmat wie du da noch irgendwie den Anschluss fände…

Als ob ich es da aushalten könnte zwischen diesen ganzen BWLern, die Tag für Tag durch die Uni rennen und ihr Wissen am Ende instrumentalisieren. Und wofür?

Haufenweise Philosophie-Fachidioten, die sich freuen, dass sie wissen, dass sie nichts wissen. All die Wirtschaftspsychologen, die Menschen manipulieren! Und wofür? Für Geld. Um andere auszubeuten! Alles Heuchler! Wer ist denn heute noch REAL?! Gar nichts ist mehr REAL!

Es ist kalt. So verdammt kalt.

Aber erstmal Kippe! Jetzt, da die Ische weg ist, kann ich wenigstens wieder rauchen. So zwischen meinen eigenen Wänden. Meine Wohnung, meine Lunge, mein Leben! Jetzt gibt es nur noch mich, die Wände und den Dreckskerl, der im Spiegel wohnt! Ha, dieser elende Vollidiot sitzt da auch nur den ganzen Tag rum und wartet, dass einer mal vorbei kommt. Verdammter Imitator. So wie alle da draußen…wer ist denn schon noch REAL?!

Martin Nied: „Lenz“

Lenz ging aus der Tür und griff dabei noch nach den Schlüsseln. Heute war kein besonders guter Tag. Der Himmel war noch dunkel und gelegentlich fegte der Wind über die Straße. Die Kisten für den Fang waren schnell auf das Boot geladen und der Motor ging gut an. „Na wenigstens etwas!“. Der Wind antwortete mit einem Heulen. Baldig was Lenz auf offener See, die Netze waren ausgeworfen. Sanft schaukelte der Kutter durch die Wellen, am Himmel versammelten sich die Möwen und schrien glücklich. Als es Zeit wurde zog er die Netze hoch und fing an die Fische auszuweiden. Die Arbeit machte Lenz froh. Zum Mittag hin zogen die Wolken sich weiter zu und es fing an zu regnen. Lenz musste, obwohl die Netze eigentlich gut gefüllt waren, abdrehen, ein Sturm zog sich zusammen. Als Lenz nach der Rückfahrt anlegte, stand der Käufer mit seinen Arbeitern schon am Dock. Er in Anzug, unter seinem Regenschirm, Handy am Ohr. Die Arbeiter waren damit beschäftigt gleichzeitig die schweren, gefüllten Kisten von einem anderen Boot zu tragen und dabei die Regenjacken an sich zu ziehen, so dass dem Wind möglichst wenig Angriffsfläche gegeben wurde. „Wieder dieser Schnösel in seinem Anzug“, dachte sich Lenz, nachdem er vertäut hatte und der Mann zu seinem Boot kam. Man müsse noch einmal über Preise und derartiges reden, weshalb er zur Firma mitkommen sollte. Sodann wies er ihn an, zum Auto, oben an der Straße.

Josua Weber: Lenz – heute

Ich zog die Kapuze tief ins Gesicht. Wie immer wurde ich von allen Seiten abwertend angeschaut, doch das war mir egal. Jeder wich mir aus, ich könnte ja wieder ausrasten. „Den Spinner“ nannten sie mich. Meinen richtigen Namen kannten sie gar nicht. Als ich das Unigelände verließ, fiel eine Last von meinen Schultern. Dieser dunkle, grausame Ort…ich hasste ihn.

Die Sonne schien und es war mir zu warm unter meinem Pullover, doch ich wollte meine Kapuze nicht ausziehen. Viertel vor drei: um drei muss ich bei meinem Betreuer sein. Mein Bus fuhr gerade weg. Es war mir egal. Sollte dieser Psycho-Heini doch auf mich warten. Ich wollte das Wetter genießen. Ich ging Richtung Park. Eine Gruppe laut lachender Jugendlicher ging an mir vorbei. Als sie mich bemerkten, hörten sie auf zu lachen und beschleunigten ihre Schritte. Da war der Park. Jede Menge Schüler und Familie saßen verstreut in kleinen Gruppen und genossen die Sonne. Überall hörte man Gelächter von scherzenden Freunden. Ich hatte keine Freunde. Meine Freunde waren mein Zimmer, mein Kater und mein schattiges

Plätzchen im Park:

Ich steuerte darauf zu. Eine Familie, die in der Nähe saß, packte urplötzlich ihr Zeug und ging weg. Da war es. Mein wohlgeliebtes Plätzchen unter der uralten Eiche am Rande des Parks. Vor fünf Jahren hatte ich es entdeckt. Von dort konnte ich alles überblicken und war dennoch nicht direkt zu sehen. Hier war einer der wenigen Orte, an dem ich noch nie einen Anfall hatte. Vielleicht liebte ich ihn deshalb so.

Langsam ging die Sonne unter. Der Park leerte sich. Es war schon fast dunkel. Doch ich wollte noch bleiben. Ich konnte sowieso nicht schlafen. Seit mich meine Mutter vor einem halben Jahr rausgeworfen hatte, gab es auch niemanden mehr, den es interessierte wann ich nach Hause kam. Ich hatte mein eigenes kleines Zimmer. Meine Mutter bezahlte die Miete. Hauptsache sie hatte mich los.

Mittlerweile war es fast Mitternacht. Außer mir war nur noch ein Mensch im Park. Ein Obdachloser. Er durchkämmte den Park nach Essensresten und leeren Pfandflaschen. Es war mir egal. Alles war mir egal.

David Schultes: Der moderne Lenz

Montag morgen…Ich wache auf. Wieder eine beinahe schlaflose Nacht. Schweißgebadet stehe ich auf und versuche mich zu beruhigen, versuche mich an die Träume, wenn ich denn geträumt habe, zu erinnern.

Ich taumle aus dem Bett, gehe in die Küche, nehme mir etwas zu trinken. Meine Hände fühlen sich riesig an, als ich versuche, mir ein Glas aus dem Schrank, der über der Spülmaschine hängt, zu nehmen. Es ist mir unangenehm, eine fürchterliche Angst ergreift mich. Hektisch renne ich zum Kühlschrank, um mir Wasser einzugießen… Ich trinke es in schnellen Zügen aus…es wird ruhig…eine schreckliche Stille breitet sich aus.

Komplett paralysiert von den letzten Minuten mache ich das Radio an, frühstücke, dusche, ziehe mich an und gehe aus dem Haus. Es ist acht Uhr…Die Straßen schon gut befahren. Ich habe das Gefühl als würde ich die Welt und die Umwelt um mich herum nicht richtig realisieren. Während ich laufe hole ich unruhig eine Wasserflasche aus meiner Tasche.

Eine Frau, vermutlich Mitte 30, läuft mit einem kleinen Mädchen, vermutlich ihre Tochter, an mir vorbei und schaut mich an. Ich schaue schlagartig weg, nehme einen Schluck aus der Flasche und laufe weiter zur Bushaltestelle.

Es ist alles eine große Masse, eine große Verwirrung, Lärm von überall. Man kann eine Baustelle 200 Meter von der Bushaltestelle entfernt hören, genau so Menschen, die um mich herum stehen und telefonieren.

Um all diesen Lärm zu übertönen mache ich mir Musik an und beginne mich zu fragen, ob ich dadurch eigentlich besser als die anderen bin, die mit ihren Handys dastehe und schreiben.

Der Bus kommt an. Personen steigen ein, Personen steigen aus.

Ich fühle mich wie auf einer langen Reise, die sich wie drei Stunden anfühlt, aber nur 10 Minuten dauert.

An der Arbeit angekommen gehe ich in mein Büro. Ruhig trinke ich meinen zweiten Kaffee aus.

Eine Stimme ertönt: „Lenz, du wirst gebraucht!“

Der Kaffee ist leer…