Religion in der Region

Achtklässler der Wiesbadener Diltheyschule im Rahmen eines Projekttages zu Besuch bei der Ev. Flughafenseelsorge, in einer Moschee und der Jüdischen Gemeinde

Die Flughafenwelt ist bunt und hektisch. Unvorhergesehenes geschieht. Reisende und Beschäftigte am Flughafen erleben Zeitdruck und Anspannung.

 Freudiges und Trauriges liegen oft nahe beieinander. Das weiß niemand besser als Flughafenseelsorgerin Ulrike Johanns, Pfarrerin der evangelischen Kirche. Gemeinsam mit ihrem Kollegen, Pfarrer Benjamin Krieg, sowie einem Team aus Ehrenamtlichen ist sie die gute Seele eines der größten Flughäfen der Welt. Heute begrüßt sie 18 Schülerinnen und Schüler der Wiesbadener Diltheyschule, die sich gemeinsam mit ihrem Lehrer, Schulpfarrer Stephan Da Re, im Rahmen eines Projekttages Religion / Ethik für alle Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 8 auf den Weg gemacht haben, um etwas über ihre Arbeit zu erfahren. Ulrike Johanns ist da, wenn Menschen Begleitung in einer schwierigen Lebenssituation wünschen, einen kirchlichen Dienst in Anspruch nehmen oder einfach nur mit jemandem sprechen möchten und Entlastung suchen. Gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen des Kirchlichen Sozialdienstes der Diakonie unterstützt sie Menschen, die auf dem Flughafen gestrandet sind und nicht weiter wissen, die eine Frage haben oder die für einen kurzen Moment dem Trubel entfliehen möchten. Mittägliche Andachten so-wie besondere musikalische Konzerte in der Mittagspause laden die Besucher dazu ein, zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu tanken. Dass eine Pfarrerin am Flughafen arbeitet, war für die meisten Schüler überraschend. Genauso wie die Information, dass Beschäftigte des Flughafens – und alle anderen – sich in der Flughafenkapelle trauen und ihre Kinder taufen lassen können. Ulrike Johanns ist für insgesamt 75.000 Menschen zuständig, die auf dem Gelände des Flughafens ganz unterschiedliche Dienste verrichten. Dazu kommen etwa 56 Millionen Fluggäste pro Jahr. „Nervt Sie das manchmal, die vielen Probleme?“, will eine Schülerin wissen. Johanns überlegt. Dann sagt sie: „Nerven nicht, aber manchmal sind die Probleme so groß, dass ich sie mit nach Hause nehme.“ Vieles hat sie in ihrer Tätigkeit auf dem Frankfurter Flughafen schon erlebt, Schönes und Trauriges. Manches davon hat sie an diesem Tag an die interessierten Achtklässler weitergeben können.

In direkter Nachbarschaft der Ev. Flughafenseelsorge befindet sich der Kirchliche Sozialdienst des Diakonischen Werkes, der von Bettina Janotta geleitet wird. Im Gespräch mit den Jugendlichen erzählt sie von verwirrten Menschen, Gestrandeten, die nicht mehr weiter wissen, und solchen, die illegal auf dem Gelände des Flughafens leben. Für sie alle ist Janotta gemeinsam mit ihren Kolleginnen und 15 Ehrenamtlichen zuständig. Von ihrem Büro im Terminal 1 aus vermittelt sie Unterkünfte, ermöglicht den Hilfesuchenden eine warme Mahlzeit oder bietet Zuwendung und seelischen Beistand. Durchschnittlich fünf Menschen am Tag kann sie helfen. Hochgerechnet sind das etwa 1500 Fälle pro Jahr. Das Angebot des Kirchlichen Sozialdiens-tes ist einzigartig. Nirgendwo in Deutschland und Europa gibt es vergleichbare Anlaufstellen. Beratung, Vermittlung, Information – das sind die drei Schwerpunkte ihrer Arbeit. Zumindest an Informationen dürfte es den Schülerinnen und Schülern an diesem Tag nicht gemangelt haben.

Nicht weniger interessant waren die Eindrücke von vier weiteren Lerngruppen unter der Leitung von Schulpfarrerin Elke Mörlein, Ethik-Lehrerin Christiane Guss sowie den Referendaren Britta Gansen und Julius Jung, die u.a. eine Moschee in der Dotzheimer Straße in der Wiesbadener Innenstadt besuchten. Dass sie ihre Schuhe am Eingang der Moschee ausziehen mussten, war für viele Schüler ungewohnt. Auch die Einrichtung des Gebetsraums, in dem ein 400 Kilo schwerer Kronleuchter hängt, überraschte viele. Im Gespräch mit einem Mitglied der Wiesbadener Gemeinde des Verbandes Islamischer Kulturzentren e.V. wurde sehr bald deutlich, worum es bei solchen Besichtigungen geht: Hemmschwellen abbauen und zeigen, was hier geschieht. Einige muslimische Schülerinnen und Schüler erzählten denn auch von Erfahrungen aus ihren eigenen Gemeinden, in denen sie u.a. am Islamunterricht teilnehmen und den Koran lesen lernen. Die stuckverzierte Decke, die arabischen Schriftzeichen an den Wänden, ein Vorbeterplatz und der bunt verzierte Gebetsstuhl weckten aber nicht nur das Interesse der muslimischen Jugendlichen, sondern auch das ihrer christlichen und konfessionslosen Mitschülerinnen und Mitschüler. Mit vielen Fragen, von denen die meisten im Religions- und Ethikunterricht vorbereitet und zusammengestellt wurden, löcherten die Achtklässler ihren Gesprächspartner, der sich über so viel Interesse am Islam sichtlich freute. Sieben Moscheen gibt es im Stadtgebiet Wiesbaden, eine davon in der Dotzheimer Straße. An den Freitagsgebeten nehmen laut Statistik etwa 1080 Muslime teil, rund 400 davon allein in dieser. Der Besuch der Dilthey-Schüler ist sicherlich ein gelungener Anlass, um die vor allem aufgrund terro-ristischer Anschläge vielfach vorherrschende Angst vor dem Islam abzubauen und für Respekt und Toleranz zwischen den Kulturen und Religionen einzutreten.

Von der Moschee in der Dotzheimer Straße sind es nur wenige Schritte bis zur jüdischen Gemeinde in einem stark gesicherten Hinterhof in der Friedrichstraße, die ebenfalls auf dem Programm stand. Diese wurde im Dezember 1946 gegründet, nachdem die alte Synagoge am Michelsberg in der Nacht der Novemberpogrome 1938 vollständig zerstört wurde. Heute erinnern an sie ein Mahnmal sowie einige Gedenktafeln. Der Gemeinde gehören heute ca. 780 Mitglieder an. Bei ihrem Besuch vor Ort erfuhren die Jugendlichen viel über den Reichtum jüdischen Lebens und seine Bedeutung in Geschichte und Gegenwart, aber auch über das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, in dem sechs Millionen Juden dem Holocaust und der Vernichtung durch die Nationalsozialisten zum Opfer fielen. So hat es sich die Gemeinde denn auch zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an die Zeit des NS-Terrors wachzuhalten und für ein friedliches Nebeneinander und Miteinander von Menschen unterschiedlicher Nationalität, Kultur und Religionszugehörigkeit einzutreten.

Für alle Beteiligten war dies ein Tag der Begegnung, der von Toleranz und Verständnis geprägt war. Wie facettenreich und vielfältig religiöses Leben in der Region ist, wurde mehr als deutlich. „Ich habe mich irgendwie nie getraut, mal zu fragen, ob ich mir so etwas mal von innen anschauen darf. Deswegen finde ich es total toll, endlich mal zu sehen, wie schmuckvoll hier alles ist und was hier passiert“, kommentierte eine Schülerin den Tag. Etwas erschöpft, aber auch zufrieden und dankbar für so viele unterschiedliche Erfahrungen und Eindrücke traten die gut 100 Schülerinnen und Schüler gegen Mittag den Rückweg zur Diltheyschule an, wo das Thema in den kommenden Unterrichtsstunden des Religions- und Ethikunterrichts erneut aufgegriffen werden wird. Eines jedoch steht jetzt schon fest: Das Thema wurde dank dieser besonderen Gelegenheit erfahrbar und hat bei den Jugendlichen nachhaltige Eindrücke hinterlassen, die sie sicherlich noch lange begleiten werden.